Die Längste aller durchwachten Nächte

Ein Flughafen-Stopover ist immer lästig. Zum absolut grauenhaften Erlebnis kann jedoch eine Übernachtung im Terminal als Hotelersatz werden.

Ich war hundemüde als mich der führerlose Shuttlezug zwischen Flugsteig und „Terminal Building“ ausspuckte und ich mit vielen weiteren Reisenden in die Ankunftshalle des Stansted-Airports strömte. Obwohl das Flugzeug um 23:30 als eines der letzten des Tages in der Pampa von Essex gelandet war, wartete bereits eine riesige Menschenmenge vor den Schaltern der Passkontrolle. Fast wie in Trance schob ich mich immer weiter vor und ignorierte die Kommandorufe der „BA Authority“, die der Menge Herr zu werden versuchte. Hier hat das Fliegen das letzte Bischen seiner früheren Exklusivität verloren und ist zu einer reinen Massenveranstaltung verkommen; ein Gedränge wie auf dem Jahrmarkt, dachte ich, während der Pulk weiter vorrückte. Nach einem prüfenden Blick des Grenzbeamten in meinen Reisepass, stand ich schon bald vor dem rumpelnden Kofferband. Wie immer wollte jeder seine Gepäckstücke zuerst haben; nur ich hatte alle Zeit der Welt.

Kurz vor Mitternacht in England – für mich schon fast sieben Uhr in der Früh. Am Nachmittag in Kuala Lumpur losgeflogen und gut 13 Stunden Flugzeit später wollte ich nur noch eins – ins Bett. Das lag aber nicht nur weit jenseits des Ärmelkanals, sondern auch noch eine ganze Nacht entfernt. Genüsslich beobachtete ich das Kofferband; was die Leute so alles mitnehmen. Viele große Schalenkoffer, zerknickte Reisetaschen und ein unförmiger Ballen, in dem wohl einer dieser typischen thailändischen Sitzblöcke steckte. Das Karussell drehte sich weiter. Eine Runde und wieder eine; noch hatte ich etwas zu tun… Natürlich kam auch irgendwann mein Trollykoffer und das letzte Highlight für diesen Abend sollte mir bevorstehen – der britische Zoll. Neben einigen kunsthandwerklichen Gegenständen und vielleicht nicht ganz echten DVDs hatte ich einen köstlichen Bananenkuchen in meinem Gepäck verstaut, dessen Import in die Europäische Union zumindest offiziell problematisch ist. Mein mir letzte Energie gebender minimal erhöhter Adrenalinspiegel sank angesichts des verwaisten „nothing to declare“-Tunnels so rasch wieder ab, wie er angestiegen war und ich betrat an den auf Ankommende Harrenden vorbeigehend die Haupthalle. Auf mich wartete hier ohnehin niemand…

Kurz nach Mitternacht – mehr als acht Stunden bis zum Abflug nach Köln/Bonn. Ich schlenderte durch die unbesetzten Reihen der Check-in Schalter; überall Wartende, Rastende, Ruhende. Ganz Stansted zeigte sich wie ein überdimensionaler Schlafsaal. Ganze Gruppen campierten vor verwaisten Schaltern, einzelne Backpacker hatten sich unter Reklametafeln und in jeder noch so kleinen Nische für die Nacht eingerichtet. Die wenigen Bänke waren auch schon längst in Beschlag genommen, so dass nicht mal Sitzen in Betracht kam. Mir war schwindelig und leicht übel – ich brauchte dringend etwas Ruhe. Zwischen der riesigen Fensterfront der Vorhalle und davorstehender großer Serviceboxen diverser Mietwagenunternehmen war ein schmaler Gang. Auch er war in Teilen bereits bewohnt. Dennoch konnte ich hier ein rudimentär einladendes Plätzchen finden und ich packte meine hauchdünne Strandmatte aus. Als ich auf sie sank war zwar kaum ein Unterschied zum Marmorboden festzustellen und doch war ich froh sie zu haben. Immer wieder fielen mir die Augen zu und ich drohte einzuschlafen. Um wenigstens mein Netbook und die Kameraausrüstung zu schützen, steckte ich meinen rechten Arm durch alle Trageriemen des Rucksacks und schlummerte kurze Zeit später tatsächlich ein.

Als ich aufblicke, fühle ich mich wie erschlagen – wie hart und kalt Marmorimitat selbst durch eine Strandmatte sein kann? Hoffentlich ist schon ein erheblicher Teil der Nacht überstanden, denke ich, als ich das bisher geschehene Revue passieren lasse. Noch wie in Trance bitte ich einen in der Nähe sitzenden Engländer kurz auf mein Gepäck aufzupassen, bevor ich mich auf die Suche nach einem WC mache. Mein Blick fällt auf eine Uhr und ich erstarrte. Kurz nach eins. Ich hatte maximal 20 Minuten geschlafen, wie furchtbar. Wieder zurück auf der Matte frage ich mich, ob diese Nacht jemals vorbeigehen wird. Immer wieder nicke ich kurz ein, aber an wirklichen Schlaf ist nicht zu denken. Da sonst kein Sitzmöbel in Sicht ist, nehme ich kurzerhand auf der schier unendlich langen Heizungsbank in Griffweite Platz. Länger als eine Minute kann man es aber auch hier nicht aushalten, sonst würde es einem wohl den Hintern verbrennen. Also wieder zurück auf den Boden. So müssen sich Penner fühlen denke ich. Wie schrecklich und erbärmlich so auf dem Boden zu liegen. Auch die vielen Dutzend „Nachbarn“ in der Halle sind kein wirklicher Trost, wohl kaum jemand war seit 24 Stunden auf den Beinen und aus tropischem Klimat auf die nass-kalte Insel gereist, denke ich voller Selbstmitleid. Warum war ich nur zu geizig gewesen mir ein Bed and Breakfast-Zimmer in der Nähe zu nehmen? In dieser Situation würde ich wohl jeden Preis zahlen…ein Taxi…ein schönes Hotel…ein Traum, aber unter mir ist immer noch Kunstmarmor.

So auf dem Boden liegend wirkt die sonst recht profane Dachstrebenkonstruktion der Terminalhalle plötzlich viel raffinierter. Überhaupt bekommen Dinge eine andere Dimension. So von ganz unten schauen vorbeigehende Menschen wirklich auf einen herab und lärmende Bodenreinigungsmaschinen nähern sich wie überdimensionale Insekten. Der Flughafen schläft nie – leider. Um 03.50 verlasse ich entnervt mein „Nachtlager“ und zerre den Rollkoller zu einem nun freien Sitz. Mal wieder starre ich zur Anzeigetafel. Unverändert ist Flug 4U 335 für 08:05 eingetragen und auf ein Öffnen des Check-ins vor sechs Uhr ist auch nicht zu hoffen. Die Halle belebt sich langsam und erste Schlangen bilden sich vor den Schaltern der Frühflüge. Schlaftrunkende kommen aus den Ecken gekrochen, Mädchen falten ihre Schlafsäcke zusammen. Was tun? So viel Zeit, erstarrt, wie in Plastilin gegossen. Plötzlich fällt mir mein Netbook wieder ein, mit dem man sich doch immer irgendwie beschäftigen kann. Ein offenes Netz lässt sich leider nicht finden, und so muss meine Kreditkarte aus lauter Verzweiflung für eine völlig überteuerte halbe Stunde W-LAN Zugang herhalten. Lustlos klicke ich mich durch die Seiten; auch der Outlook Express überrascht mich mit keiner wirklich spannenden Mail. In den nächsten zehn Minuten erlebe ich, dass man selbst für eine einfache Spiegel-Meldung zu erschöpft sein kann und entnervt klappe ich das Netbook wieder zu. Auch die Anzeigetafel hat keine Überraschung für mich parat; noch immer geht der Flug um 08:05.

Zeit ist schon eine komische Einheit. Wenn man ohnehin wenig hat, hat sie die unangenehme Angewohnheit davonzurinnen und nun zieht die sich unbarmherzig wie Kaugummi. Lähmend langsam rückt der dicke Sekundenzeiger vor, um oben angelangt, wieder eine neue Runde zu drehen. Aber immerhin – erneut eine Minute geschafft. Man könnte essen gehen, oder wenigstens einen Tee bestellen. Hunger habe ich aber kein bischen und im Austausch für drei-Pfund-etwas einen Pappbecher + Beutel zu erwerben lohnt nicht der Mühe erneut mit allem Gepäck umzuziehen. Wieder vergeht so sinnierend eine halbe Stunde und voller Vorfreude auf den sich vielleicht bald öffnenden Check-in Schalter beginne ich durch die Halle zu wandern. Fast allen Flügen ist schon eine Schalternummer zugeordnet, nur die Felder hinder den Germanwings-Flugnummern nach Stuttgart und Köln bleiben schwarz. Nach dem gefühlt hundertsten Blick auf die Tafel leuchtet plötzlich ein „K12“ neben Stuttgart auf. Da kann Köln ja nicht weit sein, es gibt etwas zu tun. Als Einziger stelle ich mich brav vor die Linie neben der spärlichen Stuttgart-Schlange, wo ich argwöhnisch beäugt werde. Nach gut zehn Minuten Warterei vor dem verwaisten anzeigenlosen Schalter erscheint eine freundliche Airline-Mitarbeiterin, um den Check-in für die Domstadt in Betrieb zu nehmen. Ich stehe richtig und bin tatsächlich der Erste. Ein nie gekanntes Erlebnis, das mich das erste Mal seit Stunden etwas glücklich werden lässt. Da sich sonst noch kein Reisegast blicken ließ, plauderte ich noch ein wenig mit ihr und bekomme einen schönen Platz am Notausgang mit extra viel Beinfreiheit.

Den Trollykoffer bin ich los und auch mein Handgepäck ist im Vergleich zu vorher geradezu federleicht – fünf Kilo mehr erlaubter Eincheck-Gepäckmenge sei Dank. Knapp zwei Stunden bis zum Weiterflug. Mit neuer Energie wende ich mich der Sicherheitskontrolle zu. Ein Zone für alle 99 Gates; eine Zumutung, aber zum Glück sind die Menschenmassen der Frühflüge schon abgefertigt. Stoisch lasse ich den strengen Check über mich ergehen, was für ein Vergleich zu den laxen Kontrollen in Asien. Pulli ausziehen, Netbook einzeln auf das Band, Hosentaschen leeren, Gürtel ausziehen und sogar die Schuhe durch den Scanner schicken. Fast wie gerupft schlurfe ich durch den Detektorbogen. Ohne festes Schuhwerk ist die Hose viel zu lang, die ich ohnehin mit einer Hand vor dem endgültigen herabrutschen sichern muss. Blöde Blicke bleiben aus; in der Sicherheitskontrolle sind alle Menschen gleich. Manager auf Socken und tätowierte, stiernackige Briten sammeln ihre Habseligkeiten wieder ein, während Sicherheitspersonal so manches Handgepäckstück gründlich filzt. Meine Habseligkeiten wecken kein Interesse.

Viel zu wenige Zeit später stehe ich am Gate und bin zum Einsteigen bereit. Ein Blick auf die Uhr verheißt schreckliches – immer noch eine Stunde Zeit bis zum Boarding. Wie geschäftig Stansted doch ist. Fast minütlich startet oder landet ein Jet, ein ewiges kommen und gehen. Airlinenamen als Internetadressen, das können nur Günstigflieger sein. Ryanair und Easyjet erreichen hier eine beeindruckende Frequenz. Geschäftsleute nutzen vor allem den London City Airport. Die Fernstrecken bedienen Heathrow und Gatwick, während Stansted ohne Zweifel die Europazentrale der Billigflieger ist; Luton wird davon auch gerne angesteuert. Eine ganze Menge Flughäfen – ein Sechster ist in Southend entstanden. Berlin hingegen hat nicht nur seinen schönen und weltberümten Stadtflughafen geschlossen, sondern will sogar auf nur auf einen schrumpfen. Eine Durchsage reißt mich aus meinen Gedanken. Flug 4U 335 ist zum einsteigen bereit, endlich.

 

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