Derry – zurück in die Zukunft

Die zweitgrößte Stadt Nordirlands ist wie keine andere zerrissen zwischen pro-irischen Republikanern und loyal zu England stehenden Unionisten – eine Stadt, Derry und Londonderry zugleich.

Auch wenn der Petrolbomber schon ein wenig Patina angesetzt hat, hat er nichts von seinem Schrecken verloren. Überlebensgroß prangt er weithin sichtbar als Wandgemälde an einem Wohnhaus der Rossville Street, den Molotowcocktail wurfbereit in der Hand haltend. Hinter dieser Straße beginnt das wohl „irischste“ Viertel Derrys, die Bogside und gleichzeitig das selbsternannte „Free Derry“ – eine „no-go area“ für Sicherheitskräfte von 1969 bis 1972. Heute sehen die renovierten Wohnungen des Glenfada Parks relativ freundlich und ruhig aus, und bei Sonnenwetter fällt es zunächst schwer, sich hier das Zentrum der „Schlacht um die Bogside“ vorzustellen. Dennoch ist die Gegend um die Rossville Flats wohl einzigartig, was nicht zuletzt an dem knappen Dutzend hausgroßer Wandgemälde – Murals genannt – liegt, die bis zum heutigen Tag überlebt haben. Und nicht nur durch sie wird die Geschichte des Nordirlandkonflikts hier in besonderer Weise greifbar.

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„Free Derry“ umfasst das Gebiet der Bogside, Brandywell, Bishop Street und des Creggan. Es liegt unterhalb der befestigten Innenstadt und zieht sich den gegenüberliegenden Hügel hinauf. Kennzeichnend ist eine recht enge, einfache und gleichförmige Bebauung. Im scharfen Kontrast hierzu steht die komplett von einer Stadtmauer umschlossene Altstadt mit großen Bürgerhäusern, feinen Geschäften und der St. Columbs Kathedrale. Sie trennt die beiden auch heute noch augenscheinlich verfeindeten Lager physisch. Auf der flußzugewandten Seite des Altstadtkerns liegt mit dem Fountain Estate die Hochburg der Loyalisten, eine Zone, die sie selbst die „West Bank“ nennen. Schon von der Stadtmauer aus gut lesbar, lassen sie keine Zweifel an ihren Intentionen: „No Surrender!“

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Trotz des Friedensprozesses fühlen sie sich als Loyalisten von den katholischen Iren bedrängt und antworten auf Rufe nach Unabhängigkeit mit dem Union Jack, der Sankt Georgsfahne und blau-weiß-rot gestrichenen Bordsteinen. Für sie hat die Stadt am Fluss Foyle nur einen Namen – Londonderry. Auch auf der anderen Flussseite, der Waterside, findet man einige pro-britische Wandgemälde der Unionisten. Besonders sticht hier das martialische Mural eines Skelett-Kämpfers der Ulster Freedom Fighters (UFF) hervor, der über ein Schlachtfeld mit gefallenen Iren jagt. Auch George Washington wird hier für die loyalistische Sache instrumentalisiert.

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Die wesentlichen Murals findet man aber in der Bogside. Schon das „Ortseingangsschild“, eine einsame übriggebliebene Giebelwand einer längst abgerissenen Häuserzeile einnehmend, lässt keinen Zweifel aufkommen: „You are now entering Free Derry.“ Oftmals umgestaltet, ist es jetzt wieder in seine ursprüngliche Bemalung zurückgesetzt worden. In unmittelbarer Nachbarschaft dazu findet man das Fassadenbild des „Petrol Bombers“, der mit einer Gasmaske vor dem Gesicht und der Wurfflasche in der Hand an den „Battle of the Bogside“ erinnert. Die bürgerkriegsartige Szenerie im Hintergrund gibt dem ganz in Grau gehaltenen Bild eine zusätzliche Dramatik. Ähnlich düster sind die Murals „The Rioter” und „Operation Motorman” die, von den Bogside Artists gemalt, im Kontext der Rückeroberung der pro-irischen „no-go areas“ durch britische Streitkräfte entstanden sind. „The Runner” zeigt vor Rauchbomben und Tränengas flüchtende Passanten.

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Mehrere Wandgemälde erinnern an die Opfer des „Bloody Sunday“. Während eines Protestmarsches der Bürgerrechtsbewegung am 30. Januar 1972 begannen Soldaten des ersten britischen Fallschirmjäger-Regiments auf die Demonstranten zu schießen – die schreckliche Bilanz: 14 Tote und 29 Schwerverletzte, darunter einige Teenager. Neben den Murals erinnern auch Denkmäler an diesen wohl schwärzesten Tag des Nordirlandkonflikts, der nicht unwesentlich zum Erstarken der Terrororganisation Irish Republican Army (IRA) beitrug. Bis heute scheint das Trauma dieses Tages in Derry unvergessen. Noch von der Stadtmauer auf dem Hügel sticht ein Wandgemälde besonders ins Auge – „The Death of Innocence“. Es zeigt ein überlebensgroßes Mädchen in Schuluniform – die 14-jährige Annette McGavigan – die 1971 von einem britischen Soldaten in der Bogside während eines Aufstandes auf der Straße erschossen wurde – neben ihr ein stilisiertes durchgebrochenes Sturmgewehr.

Wahrscheinlich symbolisiert kein anders Wandbild die schrecklichen Folgen des Nordirlandkonfliktes so zutreffend. Doch auch einzelne Kämpfer der IRA werden weiterhin als Helden verehrt. Der prominenteste ist wohl der „Hunger Striker“ und heutige Sinn Fein Politiker Raymond McCartney, der 1980 mit weiteren Häftlingen für 52 Tage die Nahrungsaufnahme verweigerte. Mehrere Bilder und ein zentrales Denkmal sind auch den „Freiwilligen“ der IRA gewidmet, die laut Selbstdarstellung „in the cause for Ireland´s freedom“, also für die Sache der irischen Freiheit umgekommen sind.

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Während die Murals langsam in die Jahre kommen, sind andere gesprühte Namen und Slogans ganz frisch. Kaum zu übersehen ist das immer wiederkehrende R.IRA, das für die „Real Irish Republican Army“ steht, einer IRA-Abspaltung, die den Friedensprozess ablehnt. Wagt man sich tiefer in die Bogside, kann man sich eines gewissen beklemmenden Gefühls nicht erwehren. Die Menschen wirken rau und beäugen Besucher misstrauisch. Noch immer meidet die Polizei diese Gegend. Vor einem Bauzaun liegt ein frisch verbranntes Fahrradwrack, ein streunender Hund zieht umher. Der Holzzaun selbst ist von pro-IRA Graffitis überzogen. „IRA Rule“ liest man da neben einem gesprühten Sturmgewehr, oder „The war isn´t over“, aber auch „Hamas“ und „Israeli Scum“. Überhaupt scheint eine gewisse Solidarität zwischen den Republicans und den Palästinensern zu herrschen, während Israel ähnlich wie England abgelehnt wird. Was Graffitis angeht, steht die pro-britische Seite keinesfalls hintenan. Auch in ihren Vierteln finden sich überall frische Schriftzüge der UFF, der paramilitärischen Ulster Defence Association (UDA) und ihrer jeweiligen Kampfsymbole.

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Dennoch hat sich in dem nur fünf Kilometer von der Grenze zur Irischen Republik entfernten Derry/Londonderry, die Lage im Vergleich zu früher weitgehend normalisiert. Die Stadt mit ihrem schweren Erbe arbeitet an einer hoffnungsfroheren Zukunft mit Frieden und Verständigung. In den letzten Jahren schien dies auch gut zu funktionieren. Erst in diesem Jahr häuften sich erneut gewalttätige Zwischenfälle. 2006 eröffnete „The Museum of Free Derry“, das einen guten Überblick des Konflikts gibt und ihn anhand zahlreicher Ausstellungsstücke plastischer werden lässt. Bei „walking tours“ erzählen Einheimische ihre mitunter stark subjektive Sicht der Dinge, was die Spaziergänge allerdings nicht minder empfehlenswert macht. Längst hat man sich an die Touristen, die auf den Spuren des Konflikts wandeln, gewöhnt – in den pro-britischen Vierteln werden sie sogar von den meisten freundlich begrüßt.

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Im Zuge des „Karfreitagsabkommens“ von 1998 ist die ehemals zumindest bei vielen Katholiken berüchtigte Royal Ulster Constabulary (RUC) in den Police Service of Northern Ireland (PSNI) umgewandelt worden, und das Militär ist abgezogen. Der festungsartige, vergitterte und mit einer Horchstation versehene Polizeistützpunkt, der wie ein Schwalbennest hoch über die Stadtmauer ragte, ist zugunsten einer unauffälligeren Wache in Randlage zurückgebaut worden. Auch wenn sich in den vergangenen acht Jahren viel verändert hat, bleibt die Stadt in Teilen gespalten. Noch immer gibt es Free Derry und Londonderry. Und auch der jahrelange Frieden ist wieder etwas brüchiger geworden. Erst Anfang September konnte ein riesiger Sprengsatz im Süden Ulsters unschädlich gemacht werden, und wenige Tage später wurde in Derry ein Polizist ermordet.

Wie angespannt die Situation ist, zeigte sich bei einem abendlichen Spaziergang durch den Altstadtkern. Unvermittelt fuhren drei gepanzerte Polizeifahrzeuge auf Patrouille vorbei; nur eine knappe halbe Stunde zuvor hatten drei Jugendliche Molotowcocktails auf einen Brunnen und einen Wagen der PSNI geschleudert und diesen in Brand gesetzt.

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